research.EIS.stein

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  • “Ein Mann liegt auf einer Geröllhalde, umgeben von einem Gletscher, der nicht mehr existiert. Der Mann ist Glaziologe, er hat das Objekt seiner wissenschaftlichen Leidenschaft für immer verloren. Er ist unendlich traurig und ratlos.”

    (Ilija Trojanow, in: Album, 27.11.2010)
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    Dieses Zitat im Rahmen des Themenschwerpunkts Klimawandel war der Auslöser für die basale Assoziationskette für EIS.stein.

    Gletscher - Natur - Umweltschutz - Geographie - Vater - Sehnsucht - Kindheit - Aufgehobenheit - Vertreibung aus dem Paradies - Verlorenheit - Verantwortung - Überforderung - Rückzug - Wiederbeleben von Kindheitsthemen - Gebirge - Wandern - Naturwissenschaft - Kunst - Verlust - Vermissen - Suche - Verselbständigung - Abhängigkeit - Unabhängigkeit - 
    Suche nach Anerkennung - Lösung? - Ausweg?

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    Die absolute Faszination und Hingabe an den Forschungsgegenstand, das Leben für das interessierende Thema, das Verzweifeln an der “Ignoranz der Anderen”, wechselnd mit der immer wieder neuen Freude, sich mit der Thematik, die einem das liebste ist, beschäftigen zu dürfen, die in obigem Zitat und in der Romanfigur Zeno in Trojanows EISTAU spürbar wird, ist auch das missing link zwischen meinem Vater als Geographen und mir als Tänzerin/Künstlerin.

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    “(…) Wo sich das Eis mit seinem eingefroren Gesteinsschutt, der Moräne, über anstehendem Fels des Bodens und der Seitenwände hinwegschiebt, wird der Fels gekritzt, berieben und poliert. Die großen kantigen Gesteinsstücke hinterlassen tiefe Striemen, die kleinen feine Kritzer, die sich oft in spitzem Winkel kreuzen, da sich bei der Fortbewegung des Eises der Moränenbrocken drehen kann, sobald er sich an einem Vorsprung des Untergrundes fängt. Von der Beschaffenheit der Gesteine der Moräne wie des Gletscherbettes hängt es ab, welches von beiden stärker angegriffen wird. Die Schuttbrocken der Moräne runden sich, je nach der Länge des Transportwegs, ab und glätten sich, behalten aber deutlich ihre Kritzer bei: sie werden zu gekritzten Geschieben.” (Panzer: Geomorphologie, 1965, S. 57)

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    Storyboard:

    1) GLETSCHERZUNGE – KALBEN – “SOLO”

    “Als wäre ich mit einer Moräne verwachsen. So alpträumt es mich durch jede Nacht.” (EISTAU, S. 17)


    2) EISBLOCK (vertraut)


    3) KIND – 
    unbeschwerte Kindheit, vor der Vertreibung aus dem Paradies – Freiheit auf dem Berggipfel

    Du musst das Leben nicht verstehen,
    dann wird es werden wie ein Fest.
    Und lass dir jeden Tag geschehen
    so wie ein Kind im Weitergehen von jedem Wehen
    sich viele Blüten schenken lässt.
    Sie aufzusammeln und zu sparen,
    das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
    Es löst sie leise aus den Haaren,
    drin sie so gern gefangen waren,
    und hält den lieben jungen Jahren
    nach neuen seine Hände hin.
    (Rainer Maria Rilke)


    4) EISBLOCK (schmilzt)

    “(…) alles wäre besser, als auf einem Felsen zu sitzen mit einem Klumpen Eis in den Händen, einem schmelzenden Klumpen Eis, das Wasser rinnt mir über die Unterarme, es rinnt und rinnt, ins Hemd und über die Oberschenkel, es tropft und tropft, zu einer Lache zwischen meinen Beinen. Egal, wie behutsam ich das Eis in den Händen halte, es schmilzt weiter. Ich versuche es wegzulegen, auf einen Felsen zu legen, aber es klebt an meinen Händen, es klebt so lange an ihnen, bis ich nichts mehr in den Händen halte außer einem triefenden Andenken.”
    (EISTAU, S. 43)


    5) VORTRAG PASTERZE – WISSENSCHAFTLER
     – sich in Rage reden, Verzweifeln

    Gletschermessungen Pasterze – Teil 1   (youtube)

    Seit dem Jahr 1878 sind am größten Gletscher Österreichs - der Pasterze in Kärnten - Gletschermesser tätig. 
    Der zweiteilige Film zeigt, wie die seit Jahrzehnten angewandte Messmethodik funktioniert. Auch wenn heute bereits 
    moderne Verfahren (Laserscanning, GPS) zum Einsatz kommen, wird noch jedes Jahr im September mittels Theodoliten der 
    Gletscher und sein Rückgang vermessen. Durchgeführt werden die Arbeiten vom Institut für Geographie und Raumforschung der Universität Graz. 
    Teil 1 des Videos. Hochgeladen am 03.09.2008
    Textauszug: Die Pasterze ist der größte Gletscher Österreichs. Hoch über der Pasterze, der Großglockner, mit 3798m die höchste Erhebung Österreichs. Die Glocknergruppe, die diesen prächtigen Talgletscher ihr Eigen nennt, ist Teil des Alpenhauptkammes. Sie wird im Norden durch das Salzachtal begrenzt, im Osten durch die Goldberggruppe, im Süden durch die Schober- und im Westen durch die Granatspitzgruppe.
    Das bemerkenswerte an Gletschern ist, dass sie auf Klimaänderungen empfindlich reagieren. Diese äußern sich in Gletscherrückzügen bei Erwärmung und geringer werden der Niederschläge und in Gletschervorstössen bei Abkühlung und Erhöhung der Niederschläge.
    Gletscher verfügen über eine Zone, in der sich ein Überschuss an Niederschlägen in Form von Schnee akkumuliert. Akkumulierter Schnee wandelt sich in einem meist mehrjährigen Prozess in Eis um. Getrieben durch die Schwerkraft fliesst das akkumulierte Eis in eine tiefer gelegene Zone überwiegenden Massenverlustes. Der Massenverlust erfolgt auf den meisten Gletschern durch Schmelze.
    Diese Änderungen an den Gletschern können nun messend verfolgt werden. Wird die Abschmelzung im Laufe des Jahres größer  als die Akkumulation, und der Gletscherhaushalt somit negativ, führt dies zu Gletscherschwund, welcher messtechnisch erfasst werden kann.
    Je wärmer die Sommer, desto größere Wassermassen werden freigesetzt.
    Bemerkenswert hierbei ist, dass die Pasterze schon 1878 von einem Gletschermesser besucht wurde.
    …. Hütteninspektor brachte Ende September im Vorfeld der Pasterze 4 Messbarken an…. Seit also rund 115 Jahren werden diese Messungen weitergeführt, heutzutage jedoch mit verfeinerter Messmethodik.
    Analysiert man diese Mess- und Beobachtungsdaten, ergibt sich eine eindeutige Entwicklung: die Pasterze schwindet.
    Seit ihrem letzten Hochstand im Jahr 1851, hat sich die Pasterze rund 1600 m zurückgezogen.
    Eindeutig ist die damalige Gletscherzungenmächtigkeit an der scharfen Vegetationsgrenze an den Seitenhängen des Gletschers abzulesen…


    “Was den Umgang mit der Natur betrifft, halte ich jeden Menschen für schwererziehbar, antwortete der Expeditionsleiter (…)” (EISTAU, S.53).

    “Was für einen Wert hat solch eine Unschuld, da wir wissen, sie werden schuldig werden, es steht ihnen und uns bevor, sie werden diese Verwüstung fortsetzen, sie werden weiterhin unsere Lebensgrundlagen zerstören. Sie pfeifen sich nichts, wie die meisten von uns, sie werden nicht ruhen, bis sie alles verbraucht verdreckt verschwendet vernichtet haben” (EISTAU, S.88).


    6) EISBLOCK
    (sterbend)

    “(…) … nichts. Kein Gletscher. Kein lebender Gletscher. Bruchstücke nur, einzelne Glieder, als wäre sein Leib von einer Bombe zerfetzt worden. Der Steilabfall war noch vereist, doch weiter unten, vor uns, waren nur noch Brocken eingedunkelten Eises über den Hang verstreut wie Bauschutt, der darauf wartet, entsorgt zu werden. Alles Leben war ausgeapert.” (EISTAU, S.86)


    7) RÜCKZUG IN DIE FANTASIE (ROLLING POINT) – ERWACHEN (FLOATING ELLBOW) – WIEDER EINS MIT DER NATUR WERDEN (SALAMANDER – GLETSCHER )

    “Als wäre ich mit einer Moräne verwachsen” (EISTAU, S. 17).

    “(…) ich sei schwerfällig von Eisstück zu Eisstück gegangen, verwirrt wie ein Betrunkener oder ein Blinder (…). Ich kniete mich nieder neben einem der Überbleibsel, unter dem Kohlestaub, unter der rußgeschwärzten Oberfläche war reines Eis, ich strich mit meinen Fingern über die Kälte, dann über mein Gesicht, nach gewohnter Manier, mein Begrüßungsritual, früher konnte ich mit vollen Händen schöpfen, im frischen Schnee, mit Händen, die so kalt wurden, dass sie mein Gesicht belebten. Ich leckte meinen Zeigefinger ab, es schmeckte nach nichts.” (EISTAU, S. 86)

    “Ich legte mich auf das Geröll. Zusammengekrümmt lag ich da, ein Häufchen Elend, jedes Gefühl, das nicht auf mir lastete wie ein positiver Befund, wäre mir willkommen gewesen. Ich verharrte in dieser Position, ohne zu wissen, was ich noch tun könnte (..)” (EISTAU, S.87)

    Text: Andrea Nagl Herbst 2011

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                                                             Canvas Krakautal Trogtal          Trogtal Steirische Krakau 2011


    Begriffe – Basis für choreographische Strukturen:

    Albedo (in Prozent) von Eis- und Schneeoberflächen.
    ae Ablation am Tag T auf einer Eisoberfläche mwe
    Akkm mittlere Akkumulation im Akkumulationsgebiet mwe
    B Massenbilanz m3we
    bt Schmelze an der Zunge mwe
    D+ Akkumulation durch Drift mwe
    DK Kalben mwe
    DL- Ablation durch Lawinen mwe
    E an der Gletscheroberfläche zur Verfügung stehende Energie W m-2
    Hmax maximale Dicke eines Gletschers m
    hmax höchster Punkt eines Gletschers m ü. M.
    L Schmelzwärme von Eis J kg-1
    Pstored Niederschlag flüssig im Gletscher gespeichert mwe
    Q Globalstrahlung W m-2
    r Punkt auf der Gletscheroberfläche –
    Tresp Anpassungszeit Jahr

    (aus: Diplomarbeit von Horst Machguth: Messung und dreidimensionale Modellierung der Massenbilanzverteilung auf Gletschern; Zürich 2003)

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    7656568408_f93ef32bd2_o ProbeFotoAtelier Ausw kl033
    Proben mit Projektion (Gekritztes Geschiebe), Gletscherzunge, “Eisblock”

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    Weitere Literatur
    :

    Geologisches Wörterbuch von Carl Chr. Beringer, Erklärung der geologischen Fachausdrücke. Für Geologen, Paläontologen, Mineralogen, Bergingenieure, Geographen, Bodenkundler, Studierende und alle Freunde der Geologie. 3.Aufl., Stuttgart, Ferd. Enke Verlag, 1951.

    Wolfgang Panzer: Geomorphologie. Die Formen der Erdoberfläche; Westermann: Das Geographische Seminar; Braunschweig, G. Westermann Verlag, 1965

    (beides aus dem Archiv Dr. Hubert Nagl)

    Wasserfallwinkelkees 1997-2012          Wasserfallwinkelkees 1997 – 2012 (H. Nagl, A.Nagl)

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    Fotos:

    Digitalisierung alter Dias von Hubert Nagl, ebenso aus seinem Archiv alte Landkarten, diese digitalisiert, z.T. projiziert, rotiert und wiederum fotografiert

    Aktuelle Fotos vom Großglockner;

    Research im Atelier 11/K2 15-16 mit Projektion, “Eisblock” und Gletscherzunge mit Markus Wintersberger

    IMG_3236_kl    IMG_3348_kl

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    — weitere Dokumentation flickrpicasa
    — Dokumentation flickr/MW

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    “(…) Die Kare sind meist aus früher angelegten Becken (K a r e m b r y o nach Salomon) durch nachträglichen Eisabschliff in ihre heutige Form gebracht worden.” (Beringer: Geologisches Wörterbuch, 1951)
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    Probenfotos

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    Eis am See

    ………………….Eis am Neusiedlersee  NeusiedlerseeEIS Auswahl kl010 NeusiedlerseeEIS Auswahl kl017  NeusiedlerseeEIS Auswahl kl019 NeusiedlerseeEIS Auswahl kl027

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    Andrea Nagl © 2013

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    Gletscher und Kunst – Frank Thiel: Los arados de Dios

     

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    English: Photo of Ilija Trojanow

    English: Photo of Ilija Trojanow (Photo credit: Wikipedia)

    English: 360° panoramic view of Pasterze stitc...

    English: 360° panoramic view of Pasterze stitched from 90 pictures Deutsch: Rundblick oberhalb der Pasterze, der Felsen war bis ca. 1980 noch vom Eis bedeckt. (Photo credit: Wikipedia)

  • 2 thoughts on “research.EIS.stein

    1. Pingback: EIS.stein Hohe Tauern 2012 | Andrea Nagl

    2. Pingback: Gekritztes Geschiebe. Aus der Serie EIS.stein | Andrea Nagl

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