Ich erinnre mich, ich kann mich nicht erinnern I

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  • Ich erinnre mich, ich kann mich nicht erinnern
    part I: Teddy in the Alps
    Fotoserie, August 2013, Hohe Tauern

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    Ein Teddy im Gebirge, ein Teddy auf der Suche nach der verlorenen Zeit, nach der Erinnerung und der Gegenwart.
    Stellvertretend für Bilder eines nahen Menschens entstehen Fotos an “klassischen Foto-Blicken” vom Stoff-Bären. Er schreibt sich in die Landschaft ein und passt doch überhaupt nicht hin. Offensichtlich ist er ein Überbleibsel aus vergangenen Zeiten, die Bearbeitung der Fotos passt sich dieser Gegebenheit an, spielt mit Retro-Kitsch, der hier doch nur Realität ist.

    Der Teddy meines verstorbenen Vaters, vermutlich an die 70 Jahre alt, mit einigen Wunden und Rissen, begleitete mich im Sommer 2013 auf den Venediger Höhenweg sowie auf Tagesausflüge in den Hohen Tauern. Er wanderte bequem in meinem Rucksack sitzend und wurde von Tag zu Tag fröhlicher und als Modell einfallsreicher. Eigentlich wäre es mein Plan gewesen, ihn rituell in einer Gletscherspalte zu beerdigen, doch durch unsere gemeinsamen Abenteuer konnte  er mich davon überzeugen, ihn wieder nach Wien mitzunehmen.

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    Weitere Fotos auf:
    flickr
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    Ich erinnere mich, ich kann mich nicht erinnern.

    Ich erinnere mich nicht, ich erinnere mich nicht mehr, ich kann mich nicht erinnern….

    Ich erinnere mich, dass ich mich erinnert habe, ich erinnere mich an den Fakt der Erinnerung, das Gefühl, die Sinneserinnerung dazu jedoch scheint verloren. Meine Erinnerung wird überlagert von auf Papier manifestierten Fotos, sie bilden das Gerüst, das familiär kollektive Erinnerungspotential, die Matrix, entlang der Familiengeschichte konstruiert wird, ebenso wie anhand immer wieder repetierter Geschichten, Mythen, Vor- und Darstellungsbilder, sie übernehmen die Deutungshoheit.

    Meine Erinnerung, vor kurzem noch ganz präsent, greifbar, schmeck- und hörbar, bleibt als hohles Gefäß meiner Erzählung zurück, sie lässt sich nicht mehr in meine Identität einordnen, öffnet keinen Raum.

    Versatzstücke der Vergangenheit bilden den Ausgangspunkt, die eigene Biographie wieder zu beleben, auch abseits der vereinbarten Codes und Tabus.

    Warum zieht es mich immer wieder ins Gebirge? Ist es Sozialisation, Gewohnheit, Erinnerung, Identitätssuche, Aufarbeitungsversuch, oder ist es mein persönliches, subjektives, eigenständiges Interesse?

    Und was ist Erinnerung? Sie ist immer subjektiv und selektiv, unteilbar individuell in ihrer Interpretation. Scheinwerfer gleich wirft sie ihre Aufmerksamkeit auf kleine Details, Geschichten, Erlebnisse, Sinneseindrücke wie emotionale Befindlichkeiten unserer Lebensgeschichte.

    Ich erinnere mich an Natur, an Berge, Gletscher, Pflanzen, Tiere, alles ganz nah, unteilbar Eins, mit mir verbunden, in Grenzenlosigkeit vorhanden, so wie das Kind sich und die Welt als ewig begreift. Mit dem Verschwinden der Natur, mit dem Verschwinden der Gletscher verschwindet auch ein Teil von uns selbst. Mit dem Verschwinden der Erinnerung schwindet ein Teil unserer Wahrnehmung. So wie die Erinnerung an einen verstorbenen Menschen nach und nach verblasst, Fotos bleiben übrig, vielleicht Briefe, wahrscheinlich keine Stimme, kein Ton, sicher keine Haptik, keine Geruch oder Geschmack.

    Wenn es die Gletscher nicht mehr gibt, oder eine Schmetterlings- oder Blumenart, aber gleichermaßen Verhaltensformen, -normen, -regeln, und sich niemand mehr daran erinnert, sind sie nicht mehr da, sind nicht mehr nachvollziehbar, nicht nur als materieller oder ideeller Fakt nicht mehr vorhanden, sondern gleichgültig, aufgelöst.

     

    Ich erinnere mich ans Waldsterben und Aufkleber dazu – Wir Alle Leben Davon –, Waluliso, Papa im Fasching so verkleidet, Fahrten ins W/4 und hingewiesen werden bzw. sehen von kranken (Nadel)Bäumen;

    Ich erinnere mich an die Erklärung für die Semester/Energie-Ferien, Ölkrise, Unverständnis, spannende Vorstellung eines Autofreien Tags. Dann, später, 1. Iran/Irak-Krieg, Mama hortet Nylon Stümpfe am Boden ihres Kleiderkastens, weil die Ölpreise steigen könnte; Ähnlich die Würfelzuckerschachtel in der Psyche im alten Schlafzimmer, Irmgard und ich immer daraus naschend… Der Geruch der alten Kiste aus eigenartig harten, beschichteten Karton, mit Spagatschnur herum?

    Ich erinnere mich an den im Sonnenstrahl tanzenden Staub im Wohnzimmer an sonnigen Wintertagen, wenn die Sonne durch das Fensterglas warm scheint, es aber kalt ist. An eine Art Tupperware Schüssel für Knödel, mit Abtropfeinsatz. Und die Ähnlichkeit des Sockels einer Christus-Statue in der Sühnekirche. Ich erinnere mich, beim Betreten dieser/einer Kirche sofort durstig gewesen zu sein, wahrscheinlich heute noch.

    Ich erinnere mich an große Mengen am Morgen toter Nachtfalter, die Abends noch um die Lampen am Balkon in Rappottenstein geflogen waren, die ich aufsammelte und in einer Schachtel verwahrte. Der geborstene grüne Kamin, der Kaninchenkäfig, die vermeintliche Schlange im Wohnzimmer, die “gefährlich” heiße Heizung im Bad, an der sich Babsi verbrannte.

    Ich erinnere mich, wie ich Körpererfahrungen im Kontext mit Krankheit/Arztbesuchen mit/an meinen Puppen und Stofftieren verarbeitete indem ich sie nachspielte. Wie wir uns am Rebenweg beim Barfuß-Laufen immer die Zehen aufgerissen haben. Ich erinnere mich, wie ich nach meinem ersten Jazz Workshop meiner Mama kickball change und pas de bourée beigebracht habe, das erste große Tanzkörperwissen…

    Ich erinnere mich, dass Papa mir jedes Tier vor die Nase hielt, Frösche muss man schütteln, dann sind sie verwirrt und springen nicht weg, Kreuzottern im W/4, eine Raupe in Griechenland, von der mir eine Borste in der zarten Kindernase stecken blieb. Kaulquappen u.ä. am Balkon im Lavoir und irgendwann waren sie weg… Beim Wandern immer etwas finden wollen, kleine Bergkristalladern oder Granaten in den Steinen. Mich auf Kühe auf der Alm legen – heute sind sie zu scheu dazu…

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    Andrea Nagl © 2013

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