Der Staatsbesuch

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  • Der Staatsbesuch. Der späte Wurm entgeht dem Vogel.

    Performative Intervention im öffentlichen Raum Berlin

    Berlin Biennale, Akademie der Künste, ESMT European School of Management and Technology, KW Institute for Contemporary Art, Blue-Star, U Bahn Fehrbelliner Platz, Museumsinsel, Ernst-Thälmann-Denkmal, Deutscher Bundestag, Kastanienallee und Gleisdreieck, Berlin – August 2016

    Nagl ~ Wintersberger 2016

    der-staatsbesuch-2016025

    “Nix wird’s mit Dir Du Präsidentenplappagei.
    Reim Dich fort von hier.
    Nichts wie weg.” (Markus Wintersberger)

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    Gesamte Fotoserie auf flickr bitte hier clicken

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    Jura Soyfer: Weltuntergang oder »Die Welt steht auf kein’ Fall mehr lang«

    Achtes Bild
    (Die Vorderwand eines Hauses. Die alte Jungfer öffnet ein Fenster und hängt ihren Vogelkäfig an einen Haken an der Wand, damit sich der Papagei sonnen kann.)

    Jungfer: Lora!
    Papagei: Lora!
    Jungfer: Lora will Zucker?
    Papagei: Will Zucker!
    Jungfer: Frauli hat viel Zucker gekauft und Grieß! Und Schmalz! Und wenn der Weltuntergang kommt, und die Frau Hofrat Endlinger kommt zum Frauli und will sich Schmalz ausleihen, dann wird das Frauli sagen: »Ja, liebe Frau Hofrat, da hätten Sie sich eben selbst rechtzeitig Vorräte machen sollen. Da hätten Sie eben was zusammensparen sollen, statt jeden Sonntag mit diesem Herrn Müllenbacher auszugehen, dessen Mutter Sie sein könnten!«
    Papagei: Mutter Sie sein könnten!
    Jungfer: Diese arrogante Person, die immer das Bild von ihrem seligen ehemaligen Herrn Hofrat anschaut, nur um mich zu ärgern, nur mir zum Trotz, immer grad dann, wenn ich zufällig durchs Schlüsselloch schau! Erst gestern hat sie mich demonstrativ mit »Fräulein« angesprochen. »Fräulein Lora!« Und diese ewigen Anspielungen! »Ihr unverheirateten Damen versteht das nicht!«
    Papagei: Ihr unverheirateten Damen versteht das nicht!
    Jungfer (jetzt ganz zum Papagei redend): Pah! Wenn ich seinerzeit gewollt hätte, wär ich heut grad so eine Witwe wie sie. Daß Sie’s wissen, Frau Hofrat! Aber ich war nur zu leichtsinnig, daß du’s weißt, Lora! Ich hab achtundzwanzig Jahre gespart, und dann im zweiundzwanziger Jahr war die Inflation da, und alles war futsch. Und nur mein Leichtsinn hat die Liebe des Herrn Rußwurm zerstört. Oh, er hat mich so geliebt! Nie werde ich seine Abschiedsworte vergessen: »Es schmerzt mich tief, daß meine Gefühle sich zu einer so leichtsinnigen Person verirrten.« Oh – er war ein moralischer Mann!
    Papagei: Ein moralischer Mann!
    Jungfer: Aber diesmal habe ich mich meines ehemaligen Herrn Rußwurm würdiger gezeigt! Ich habe das bisserl, das ich hab, in Weltuntergangsanleihe angelegt! Und dafür werden mir jährlich fünf Prozent Zinsen draufgezahlt.
    Papagei: Draufgezahlt! Draufgezahlt!
    Jungfer: So?? Du glaubst schon wieder, du bist gescheiter als ich? Also ich war selbst in der Bank, daß du’s weißt! Und ich hab mit dem Herrn gesprochen. Nicht mit dem subalternen Beamten, der beim Schalter sitzt. O nein! Mit dem anderen Herrn, mit dem älteren, der hinten beim großen Schreibtisch bei der Rechenmaschine thront! Ein gereifter Mensch! Aber dabei ein sehr fescher Mensch! Und der hat mir persönlich einen Anleiheschein gezeigt, auf dem der Zinssatz fünf Prozent betrug.
    Papagei: Betrug! Betrug!
    Jungfer (immer erregter): So?? Und wenn ich dir sag, in der Zeitung ist heut schwarz auf weiß gestanden, die patriotischen kleinen Sparer werden im Weltuntergang geschützt werden? Auch so arrogante Personen wie du und die Hofrätin werden wohl oder übel dran glauben müssen!
    Papagei: Werden übel dran glauben müssen!
    Jungfer: Aber hör doch! Wir, die unser leblang unser Vertrauen zu den Herren bewahrt haben, müssen doch einmal den Dank erhalten!
    Papagei: Den Tank! Den Tank! Den Tank!
    Jungfer (zitternd): Du glaubst doch nicht, daß ich wegen deiner zersetzenden Bemerkungen Angst krieg?
    Papagei: Krieg! Krieg!
    Jungfer (entsetzt): Aber in der großen Rede gestern hat es geheißen: »Ich bin und bleibe Optimist…«
    Papagei: Mist!
    Jungfer (den Papagei anflehend): Aber ich hab doch gespart! Und die Kartenaufschlägerin hat mir doch einen zweiten Herrn Rußwurm prophezeit! Und ich hab mir das schon so ausgemalt – ein bescheidenes, aber bürgerliches Heim – und ich als bescheidene, aber bürgerliche Hausfrau…
    Papagei: Aus Frau! Aus! Lora will Zucker!
    Jungfer: Lora will Zucker!
    Papagei: Lora will aus dem Käfig!
    Jungfer: Lora will aus dem Käfig? Lora muß im Käfig bleiben!
    Papagei: Lora muß im Käfig bleiben!
    Jungfer: Im Käfig bleiben. Im Käfig…
    Papagei: Ewig! Ewig!
    (Dunkel.)

    Quelle: http://gutenberg.spiegel.de/buch/weltuntergang-oder-die-welt-steht-auf-kein-fall-mehr-lang-6485/1

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    Andrea Nagl © 2016

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