Plädoyer für einen auf “Release” Prinzipien beruhenden Körperzugang

Ich liebe die Knochen, ihre Effizienz und Klarheit, ich suche nach “simplicity”, “sein” statt “doing being”, Purheit, Authentizität, Transparenz. Tun und kein “Getue”. Ich versuche das in meinem eigenen Training, im Unterricht und auch in meinen künstlerischen Projekten umzusetzen. Und mich als Mensch im Alltag so zu verhalten.

Natürlich macht es einen Unterschied, ob ich auf der lehrenden oder der lernenden Seite stehe:

Wenn ich praktiziere, fällt es mir oft schwer, mich auf die “Einfachheit” und Klarheit des Alignments zu konzentrieren, nicht-wertend zu üben, meinem Körper und seinen Schmerzen mit Akzeptanz und Verständnis zu begegnen, statt ins Korrigieren zu kippen.

Umgekehrt kann ich beim Unterrichten als von außen blickende Person gut sehen, wie viel es hilft, wenn sich meine Student*innen auf das Wesentliche fokussieren und sich von ihrer Unsicherheit, sowie den verinnerlichten Ideen zu Körperhaltung und Form nicht überfordern und irritieren lassen. Ineffiziente (nicht viable) Haltungs- und Bewegungsmuster ließen sich schneller auflösen, hätten wir nicht so starke Bilder, wie wir aussehen sollten. Immer wieder werde ich in meinem Unterricht Zeugin tiefgreifender Veränderungen in Haltung und Bewegung durch das Verschieben der Aufmerksamkeit beispielsweise auf knöcherne Verbindungen, sowie durch Loslassen verinnerlichten Stress´. Plötzlich passiert Zentrierung, Koordination wie von selbst.

Ich stehe auf dem Standpunkt, dass es enorm bereichernd für die eigene Unterrichtstätigkeit ist, sich selbst als stetig Lernende*n zu betrachten. Und zwar nicht, weil es sich so schön sagt und inflationär verwendet wird, sondern tatsächlich, als Studierende*r. Als Schüler*in. Als Nichts-Wissende*r. In Demut und Bescheidenheit.

Unlängst war ich bei einer Physiotherapeutin, und meine Erfahrung war leider genauso, wie es meinem Cliché entspricht: ausschließlicher Blick auf Muskeln, Zerlegen des Körpers in Einzelteile, die getrennt von einander behandelt werden könnten, Fixierung auf bestimmte Muskelgruppen; abwertendes Körper/Menschenbild: man sei schlecht, falsch, schwach und faul; unter Druck setzen durch Androhungen negativer Folgen bei nicht Einhalten der Direktiven. Ich möchte mich nicht weiter über meine emotionalen und inzwischen auch physischen Schmerzen auslassen, jedoch auf ein paar allgemeinere Überlegungen kommen.

Wir können nicht nur in unserem Körper, sondern auch gesamtgesellschaftlich bzw. politisch sehen, wohin der Zugang von Kraft gegen Kraft, Spannung gegen Spannung in der Welt führt. Eine bloße Anspannung äußere Muskeln als Reaktion auf zu viel Spannung gewisser (zu identifizierender) Stellen im Bewegungsapparat oder auch in anderen Körperstrukturen wird außerdem schließlich in einer Bewegungsunfähigkeit münden. Der Körper als Kampfzone…

Zunächst: wie kommen wir ins Gleichgewicht? Es geht um die Koordination (!) von Spannung und Entspannung, um eine Balance, beispielsweise im Stehen zwischen vorne und hinten, links und rechts und allen Diagonalen dazwischen. Eine Muskelaktivität wird keine Bewegung auslösen können, wenn der Antagonist des aktivierten Muskels nicht entspannt.

Es gibt immer zwei Seiten: ist das Glas Wasser halb voll oder halb leer? Ist die eine Seite zu schwach, oder die andere “zu stark”, also angespannt?

Zunächst: Muskeln können nur kontrahieren=verkürzen. All unsere negativen Emotionen, allen voran Stress, speichern sich in unsern Muskeln als Spannung. Warum boomen Techniken wie Yoga, autogenes Training, Meditation? Wir sind alle tendenziell dauerverspannt, Körper wie Geist, nicht im Gleichgewicht, aus dem Lot, nicht im Zentrum.

Wäre es also nicht allein schon aufgrund dieser Resultate “unseres Lebens” sinnvoll, zuerst zu versuchen, angesammelte Spannung loszulassen, also zu erkunden, wo Muskeln, vermutlich chronisch, an/verspannt sind, diversen Stress halten, gar nicht mehr loslassen können? Sobald sie wieder in einem Zustand entspannter Beweglichkeit sind, werden sie ihre Gegenspieler auffordern, mit ihnen besser zu koordinieren.

Weiters reicht es nicht, einfach Muskeln zu trainieren, zu stärken, wir müssen ihnen eine Ausrichtung geben, sie “connecten”, dann können sie effizient ihren Sinn (Bewegung) erfüllen.

Zu diesem Zweck kann es sinnvoller sein, an unsere Knochen zu denken, als an das extrem komplexe System von Muskeln/Muskelketten. Knochen sind das dichteste Gewebe im Körper, durchaus lebendig und formbar, aber sie haben die Ruhe eines kahlen Baums im Winter. Sie sind unsere Basis, das, was nach dem Tod körperlich von uns übrig bleibt, das Selbst, das Sein. Sie sind nicht gebeutelt von unseren alltäglichen Emotionen und Verwirrungen, sie sind die Stille, die Klarheit, die uns leiten kann.

So können wir mit unserem Geist (“mind”) unseren Knochen eine (Aus)Richtung geben und umgekehrt sie uns eine zielgerichtete Balance.

Für wen es schwierig oder seltsam erscheint, sein/ihr Skelett zu “visualisieren”, kann auch einfach einmal an die Bewegung denken: ich möchte stehen; ich möchte gehen; ich möchte jemandem die Hand reichen. Kein (gesunder, unverletzter) Mensch wird dabei überlegen, welche Muskeln er der Reihe nach aktivieren muss. Vertrau auf deine Körperintelligenz. Der Körper liebt es, sich zu bewegen, genauso wie zentriert, entspannt im Lot zu ruhen. Es ist nötig, meinem Körper mit größtmöglicher Klarheit meinen Willen zu übermitteln und ihm dann auch die Möglichkeit zu geben, die Bewegung/Aufrichtung effizient und gelassen (“calm”) auszuführen – anstatt mit emotionaler oder physischer Spannung Stress zu machen. Dazu braucht es allerdings einen Rahmen/Raum, in dem es möglich ist, in entspannter Atmosphäre, stressfrei zu forschen und in Sicherheit zu lernen. Vertrauen in mich und die Möglichkeiten bzw. Fähigkeiten meines Körpers, in die Gruppe um mich, in die anleitende Person ist basal um Neues auszuprobieren, zu experimentieren und sich anzueignen.

Eigentlich wissen wir, dass wir mit Freude, Motivation und spielerisch am besten lernen, neue Synapsen sich am schnellsten bahnen. Dann forschen wir wie Kinder, mit großer Neugierde, Lust und Wissensdurst. In einem derartigen Zustand intrinsischer Motivation können wir keine Fehler machen, nicht versagen, sondern wir sind einfach noch nicht so weit, müssen noch weiter üben, experimentieren, spielen, lachen, uns zwischendurch ärgern, dann wieder ans Werk gehen. Nein, wir müssen uns nicht “quälen”, schinden, den “inneren Schweinehund” überwinden, uns ständig neuen “challenges” aussetzen, weil wir sonst auf der Stelle treten. Wir müssen den richtigen Rahmen und die richtigen Menschen für uns finden, in deren Kontext wir wie von alleine wachsen können.

Als Pädagogin sehe ich es als meine Aufgabe, bestmöglich an einem derartige Setting zu arbeiten, um den mir anvertrauten Lernenden einen Weg zu zeigen, eigenverantwortlich und aus innerem Antrieb heraus an ihren tänzerischen/künstlerischen Fähigkeiten zu arbeiten. Dazu gehört auch ein primär positives Korrigieren, d.h. auf Verbesserungen hinzuweisen, anstatt nur Unzulänglichkeiten und “Fehler” zu betonen. Es ist deutlich zu sehen, wie meine Student*innen motiviert sind, an ihren “Connections” zu forschen, wieviel Freude es ihnen bereitet, wenn sie merken, eine Ausrichtung wird klarer, sie spüren einen Zusammenhang, etwas wird einfacher. Derart innerlich motiviert forschen sie von sich aus weiter ohne Notwendigkeit permanenter Aufforderung von außen.

Es wäre ein großes Missverständnis zu glauben, ein derartiger Zugang verlange nicht nach “harter Arbeit” und nach konsequenter, “lebenslänglicher” Praxis. Re-Organisation angelernter Haltungs- und Bewegungsmuster ist sogar extrem anstrengend, häufig scheint es Praktizierenden sogar ein schwierigeres Training als jeder muskuläre Kraftakt zu sein. Es bedarf im Unterricht also durchaus des strikten Einfordern, nach Verbindungen (“connections”) im Körper zu suchen und sie zu etablieren, und offen zu sein, Neues auszuprobieren. Es ist Disziplin notwendig, sich immer wieder neu zu zentrieren, und das Angebot des Raums anzunehmen, nach Klarheit in Körper und Geist zu streben, anstatt in altbekannte, vertraute, sichere Muster zu kippen, das Gefällige, Bequeme, Oberflächliche, Äußerliche dem Authentischen, Transparenten, Subtilen, Ehrlichen vorzuziehen. Wir müssen die Phase des “nicht-Wissens”, der Verwirrung passieren, aber wenn wir neugierig sind und uns sicher fühlen, wird es keine Gefahr sein, kein Stress, “über Grenzen gehen zu müssen”, sondern es entsteht ein “Flow”, in dem wir wachsen können.

Es geht nicht nur um die Frage, wieviel Muskelspannung zur Ausführung einer Bewegung notwendig ist. Es geht um eine weltanschauliche Frage – Konkurrenz oder Kooperation, permanenter Druck und Ausbeutung oder eigenverantwortliche Weiterentwicklung, uniformes Mitmarschieren oder individueller Ausdruck?

Es geht um ein Menschenbild. Sehe ich meine Schüler*innen als ahnungslose, dumme, unfähige, stets faule “Objekte” oder als spannende, einzigartige Menschen, die auch vieles wissen, das ich nicht weiß? Sodass wir gemeinsam forschen können, ich auch von ihnen lernen und ihnen nur – in meinem Fach – einen Schritt voraus bin?

Der Fokus auf das Skelett, die Suche nach Klarheit, Transparenz, Authentizität und dem puren Sein ist Ausdruck dieser Weltsicht.

 

© Andrea Nagl, November/Dezember 2019